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Die Theater-AG der Jahrgänge 8 bis 12 inszenierte eine Revue zur deutschen Geschichte

„Durchkommen, das ist doch nicht zu viel verlangt, oder?“ Mit diesen Worten formuliert die Wirtin Wilma (Elin Baumeister bzw. Sarah Malucha) an Silvester 1899 ihren Wunsch für das neue Jahrhundert. Aber er könnte auch für die folgenden Jahrzehnte ihr Lebensmotto sein und nicht nur ihres, sondern auch das ihrer Gäste, unabhängig von deren sehr unterschiedlichen Lebensumständen. Alle, egal ob Offizier, Gefreiter, Arbeiter, Lebemann, Bürgersfrau, junges Mädchen oder Sozialistin, erhoffen sie sich ein kleines privates Glück und ein sorgenfreies Leben, zu jeder Zeit. Die zeitlosen Charaktere treffen sich an der Jahrhundertwende 1899 / 1900, 1918, 1923, 1938, 1945, 1955, 1968, 1977, 1989 und zur Jahrtausendwende in Wilmas Kneipe auf der Suche nach Zerstreuung, Vergnügen und Unterhaltung. Dabei prallen stets unterschiedliche Ansichten aufeinander und so wird gestritten und getanzt, angestoßen, gesungen und gelacht. Jeder erlebt seine Enttäuschungen, Ablehnung und Anfeindung, aber auch seine große Stunde im Laufe des Jahrhunderts.

Die Theater-AG brachte mit großem Engagement und überzeugender Spielfreude das szenisch angelegte Stück „Alles wird anders, alles wird gut“ von Lutz Hübner am 20. und 22. September 2014 in der Aula des Gymnasiums zur Aufführung. Musik der jeweiligen Zeit, teils live gesungen, verlieh dem Stück den Charakter einer Revue, was zum Unterhaltungswert erheblich beitrug. So konnte das Publikum die Aushilfskellnerin Edith (Leonie Kappmeyer) mit dem Schlager „Die Männer sind alle Verbrecher“, aber auch mit der „Lorelei“ und im Duett mit der Sozialistin Clara während der Flower-Power-Zeit mit „Blowin’ in the wind“ von Bob Dylan hören. Der Lebemann Eddie (Pauline Kappmeyer), der zu jeder Zeit genau wusste, wie er sich durchschlägt, mal durch Schwarzhandel, mal mit Falschgeld, mal durch Emigration in die Schweiz, begleitete seine Kneipentour mit dem Lied „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“. Während der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg machten sich alle gemeinsam im Keller Mut mit dem Heinz Rühmann-Lied „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ und feierten mit dem Vortrag der Nationalhymne 1989 die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Clara (Annik Rüschhoff), die Sozialistin, betrauerte, nachdem sie die Internierung in einem Konzentrationslager überstanden hatte, den Tod ihres Freundes mit „I’ll never smile again“ und Horst (Felix Henze) schmachtete 1955 mit dem Elvis-Song „Love me tender“ die junge Edith an.

Zurzeit der Nazidiktatur verdeutlichten der Soldat Horst und der zu anderen Zeiten glücklose Kurti (Nina Berse) ihre nationalistische Einstellung mit dem Vortag des Horst-Wessel-Liedes, gekonnt verfremdet als Rap.

Aber auch die schauspielerischen Leistungen aller Akteure konnte das Publikum restlos überzeugen. Jeder der neun Charaktere wurden von den jugendlichen Schauspielerinnen und Schauspielern mit „erstaunlicher Eloquenz“ (Mark Pillmann in der Halterner Zeitung) dargestellt. Was mühevoll und mit großem Zeitaufwand eingeübt wurde, kleine Gesten etwa wie ein Knicks, das Geleiten der Frau am Arm des Mannes, Tanzschritte verschiedener Tänze, Mimik und Gestik im Allgemeinen und vieles mehr, trugen zu der überzeugenden Darstellung der jeweiligen Figur bei und wirkten schließlich mühelos und authentisch. Mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit konnten die Jugendlichen ihrem jeweiligen Charakter die für die Zeit angemessene Ausdrucksstärke verleihen. Beispielsweise grüßte der Offizier Ernst von Wusterwitz (Moritz Jäger) zur Jahrhundertwende stolz und würdevoll seine Majästät, den Kaiser, und betrank sich 1955 maßlos, bis er lallend und grölend mit „Goodbye Johnny“, im Original von Hans Albers gesungen, die Kneipe verließ. Seine stets ein wenig distanzierte Begleitung Agathe (Leah Kerstan bzw. Marike Johnsdorf) ließ sich 1900 noch an Ernst Arm geleiten, lief ihm jedoch 1977 voraus und bestand darauf, „Aggi“ genannt zu werden oder schleppte ihn 1968 mit zu Demonstrationen.

Lediglich einen Figurenwechsel gab es im Stück zu sehen. Kurtis erste Ehefrau Grete (Kim Breuer) ist Jüdin und stirbt im Konzentrationslager und tauchte daher nach der Pause auf der Bühne auch nicht mehr auf. 1955 erschien Kurti stattdessen mit seiner zweite Ehefrau, Bine (Nele Lehmbach), an seiner Seite.

Bindendes Glied und Zeichen der Beständigkeit war auch die grundsätzlich nicht wechselnde Dekoration. Alle Szene spielten in der Gastwirtschaft und der Wechsel der Zeiten wurde lediglich durch kleine Details dargestellt. So wurde zu Beginn die Musik durch ein Grammophon erzeugt, das später von einem Radiogerät, dann von einem Schallplattenspieler und schließlich von einem Radio-CD-Spieler abgelöst wurde und ab 1955 gab es bei Wilma auch einen Fernseher, über den die aktuellen Ereignisse verfolgt werden konnten. In diesem Zusammenhang muss das lebende Bild, dargestellt von Enya Koryttko, die viel Stehvermögen beweisen musste, hervorgehoben werden, weil es durch seine Veränderung auch den Wechsel der Zeiten markierte. Sah man zunächst Kaiser Wilhelm über seine Untertanen wachen, wurde er zunächst von Nivea–Reklame und dann von Adolf Hitler, später von Mars- oder Brause- oder Africola-Werbung, schließlich von Michael Gorbatchow und beim Ausblick auf 2014 von Angela Merkel abgelöst.

Die Theater-AG gab dem Stück von Hübner einen selbst gestalteten Rahmen durch einen Vorspann mit lokalem Bezug, bei dem man zur Musik „Altes Fieber“ von den „Toten Hosen“ Fotos aus einhundert Jahren Haltern bestaunen konnte, und durch einen akualitätsbezogenen Abspann, in dem blitzlichtartig gezeigt wurde, wie die neun bekannten  Charaktere im Jahre 2014 ihr Leben gestalten. Dieser Ausblick wurde programmatisch begleitet von Andreas Buranis Hit „Auf uns“: „Denkt an die Tage, die hinter uns liegen, wie lang wir Freude und Tränen schon teilen. Hier geht jeder für jeden durchs Feuer, im Regen stehen wir niemals allein. Und solange unsere Herzen uns steuern, wird das auch immer so sein. Ein Hoch auf das, was vor uns liegt, dass es das Beste für uns gibt. Ein Hoch auf das, was uns vereint, auf diese Zeit.  Ein Hoch auf uns, auf dieses Leben, auf den Moment, der immer bleibt. Ein Hoch auf uns,  auf jetzt und ewig […].“

Ohne die Unterstützung des Technik-Teams, das sich um Licht und Ton kümmerte, hätte diese Deutschlandrevue nicht realisiert werden können. Und so galt der Dank der gesamten AG den vier freiwilligen Mitschülern aus der Technik-AG des Gymnasiums.

Am Ende wurde die zeitintensive, oftmals harte und mühevolle Arbeit mit viel Applaus und großem Zuspruch des Publikums, das allerdings leider nicht so zahlreich erschienen ist, wie erhofft, belohnt. Aber immerhin ließen sich insgesamt etwa 450 Gäste gerne mit auf die Zeitreise nehmen, um dabei teilweise auch in alten eigenen Erinnerungen, etwa an die Zeit der 68er–Bewegung, zu schwelgen.